Merci, Québec!

In unserer Serie „Im Ruhestand“ widmen wir uns den NHL-Teams, die es nicht mehr gibt, an die wir uns gerne erinnern und die heute noch von ihrer Fan-Base vermisst werden.

Merci, Québec!

Montag, der 10. Juni 1996. Uwe Krupp schießt die Colorado Avalanche zum Stanley-Cup-Triumph. 1:0-Sieg, 4:0-Sweep gegen die Florida Panthers. Dem Team aus Denver gelingt, was bis heute keiner mehr geschafft hat: Im ersten Jahr nach dem Franchise-Umzug die bekannteste Trophäe der Welt zu gewinnen. Merci, Québec. 

Knapp 3.000 Kilometer nordöstlich fließen in diesem Moment Tränen. Die Jungs, die vor einem Jahr hier noch ihre Heimat hatten, fahren jetzt jubelnd über das Eis, liegen sich in den Armen, posieren für das Siegerfoto. Es sind bittere Tränen, die vergossen werden. Jahrelang hatten die Nordiques mehr schlecht als recht in der NHL mitgehalten. Den einzigen Titel hatten sie im Jahr 1977 geholt. Meister der WHA (World Hockey Association), der Konkurrenzliga der NHL. Gerade mal sieben Jahre gab es die WHA, bevor sie aufgelöst wurde. Im Jahr 1979 wurden die Nordiques als eines von vier Teams in die NHL aufgenommen. 

Das sorgte im französischsprachigen Teil Kanadas für Aufregung. Ein interner Herausforderer Montréals? Undenkbar. Politik und Wirtschaft kamen ins Spiel. Montréal, stets für die Einheit Kanadas eintretend, gegen die Separatisten aus Québec. Der Zwist zweier Brauerei-Dynastien: Die Molson-Gruppe, eng verbunden mit den Canadiens, gegen das O’Keefe- Bier-Imperium, das die Nordiques unterstützte (später fusionierten die beiden Unternehmen).

Im „Good friday massacre“ der Playoffs des Jahres 1984 fand die Rivalität einen unrühmlichen Höhepunkt. Eine wüste Prügelei, in der sich sogar die Brüder Dale Hunter (Québec) und Mark Hunter (Montréal) mit den Fäusten duellierten. Elf Spieler-Verweise, 252 Strafminuten und nebenbei der Seriensieg für die Canadiens, die auch in den folgenden Spielzeiten die Oberhand in Franko-Kanada behielten. Auch weil die Nordiques seit der Aufnahme in die NHL unter chronischen Finanzproblemen litten. Das eher beschauliche Québec im Konzert der Großstadtklubs aus Kanada und den USA. Eine schwierige Nummer. 

Anfang der Neunziger schien sich das Blatt zu werden. Ausgelöst durch einen Eklat um Ausnahmetalent Eric Lindros, der in Kanada als „the next one“, als legitimer Nachfolger Wayne Gretzkys gehandelt wurde. Nach zwei katastrophalen Spielzeiten hatten sich die Nordiques den an Nummer eins gesetzten Stürmer „verdient“. Doch Lindros weigerte sich beharrlich, das blau-weiße Trikot überzustreifen und tat dies vor, während und nach dem NHL-Draft des Jahres 1991 offen kund. Dennoch sicherte sich Nordiques-Manager Pierre Pagé die Rechte am Stürmer. Doch Lindros blieb stur. Also Option B wählen: Ein Tauschgeschäft einfädeln. Eines, das in die Geschichte der NHL eingehen sollte. Nach harten Verhandlungen erhielten die Philadelphia Flyers die Rechte an Eric Lindros. Im Gegenzug erhielt Québec eine ganze Riege gestandener NHL-Spieler, das schwedische Top-Talent Peter Forsberg, einen weiteren Erstrundenpick, 15 Millionen US-Dollar und weitere „zukünftige Zugeständnisse“. 

Durch den Umzug nach Colorado nie zum Einsatz gekommen: das neue Logo der Nordiques, das 1995 vorgestellt wurde.

So wurde aus dem Low-Budget-Team in Québec, das sportlich nichts reißt, über Nacht ein Stanley-Cup-Anwärter. Wachsende Euphorie bei den treuen Fans, wachsende Sorgenfalten bei Eigentümer Marcel Aubut. Denn mit den Stars an Bord schossen auch die Gehälter in die Höhe. Die finanziellen Probleme wuchsen, als der kanadische Dollar fiel. Eine zu kleine, in die Jahre gekommene Arena. Ganz abgesehen von der mangelnden Wirtschaftskraft der Stadt. Verschärft wurde die finanzielle Situation durch die Lockout-Saison 1994/95. Im darauffolgenden Sommer zerplatzten Québecs Titel-träume: Teameigner Aubut rief in einer verzweifelten Ansprache zu einer finalen Rettungsaktion auf, um an öffentliche Gelder zu gelangen. Ohne Erfolg. Das Team, die sportliche Perspektive – mit einem Schlag weg. Am 1. Juli 1995 wurde der Verkauf nach Denver besiegelt. Aus den Nordiques wurde die Avalanche. Eineinhalb Monate später rollte die Lawine über die Konkurrenz. Stanley-Cup-Sieg. Merci, Québec. 

Über zwei Jahrzehnte später kämpfen treue Fans und Unternehmen aus der Region weiter gegen das Trauma des plötzlichen Abschieds an und wollen die Nordiques wiederbeleben. Doch die Herausforderungen bleiben die gleichen: Wie mit den großen Klubs mithalten? Sie werden nicht aufgeben.