Masterplan fürs Emmental
Wie ein Seilfabrikant das verschlafene Emmental aufweckt: Peter Jakob verwandelte nicht nur einen kriselnden Eishockey-Klub in ein Vorzeigeprojekt, sondern gibt einer ganzen Region neue Impulse. Seine Vision zeigt, wie man auch abseits der Metropolen Großes schaffen kann.
Die Regionalbahn schlängelt sich von Bern kommend durch die Landschaft. In nicht allzu weiter Ferne offenbart sich die majestätische Kulisse des Berner Oberlandes. Die weißen Gipfel verheißen die sprichwörtliche Schönheit der Schweiz. Doch nach gut 20 Minuten biegt der Zug in ein anderes Tal ab: rein ins Emmental. Dort, wo sanfte grüne Hügel den Blick auf das Dreigestirn der Berner Alpen verdecken. Wir sind im Land des weltberühmten Käses und steuern auf Langnau zu, den Hauptort des Tals.
Der Bahnhof hier ist übersichtlich, ein typischer Durchgangsbahnhof. Auf der einen Seite der Gleise erstreckt sich das Städtchen mit seinen herrschaftlich anmutenden alten Häusern. Knapp 10.000 Menschen leben hier. Auf der anderen Seite erhebt sich hinter ein paar Häuserzeilen ein bewaldeter Anstieg. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, leicht versteckt, die Eishalle mit ihrem modernen Anbau – der Grund unseres heutigen Besuchs. Langnau gilt als Vorzeigeprojekt in Sachen Eishockey-Infrastruktur.
Nach dem Check-in in einem der wenigen Hotels des Städtchens gönnen wir uns im Restaurant am Bahnhof – fast schon klischeehaft – Rösti. Dann, umgezogen für den anstehenden Eishockeyabend, warten wir vor dem Hotel auf Peter Jakob, den Mann hinter dem Projekt SCL Tigers. Ein weißer Skoda-Kombi biegt um die Ecke, Jakob steigt aus und begrüßt uns herzlich. Mit einer leicht entschuldigenden Geste deutet er auf sein Auto: „Das neue E-Auto ist leider noch nicht da.“ Eine bezeichnende Bemerkung für einen Mann, der in seiner Firma bereits vor zwanzig Jahren auf Photovoltaik-Strom setzte. Er stammt aus einer Unternehmerfamilie und hat aus einer kleinen Seilerei ein globales Unternehmen mit heute über 600 Mitarbeitern weltweit gemacht. Sein jüngstes Vorzeigeprojekt heißt Jakob Saigon, eine im Jahr 2019 errichtete Fabrik in Vietnam. Preisgekrönt für ihre innovative und nachhaltige Architektur.
Die Geschichte des SC Langnau ist seit 1946 eng mit der Identität des Emmentals verwoben. Das Einzugsgebiet ist nicht vergleichbar mit den großen Städten, doch die Fans kommen aus der ganzen Region. Seine goldene Ära erlebte der Verein in den 1970er-Jahren. Der Schweizer Meistertitel 1976 und die erfolgreichen Jahre von 1975 bis 1981 sind bis heute legendär. In dieser Zeit entstand der „Mythos SCL“– ein Symbol des Widerstands der ländlichen Region gegen die dominanten Stadtklubs.
Doch in den 1980ern folgte der langsame Abstieg. Der Sport wurde professioneller, lokale Talente wanderten zu den großen, reicheren Klubs ab und nach und nach stiegen im Emmental die Kosten. Der SCL konnte mit den Entwicklungen nicht Schritt halten und musste 1985 in die Nationalliga B. Drei Jahre später gelang zwar der Wiederaufstieg, aber nach einem Jahr Erstklassigkeit ging es direkt wieder runter. Erst 1998 klappte die Rückkehr in die Nationalliga und die Profis wurden ein Jahr später als SCL Tigers AG ausgegliedert. Doch auch die neue Gesellschaft vermeldete früh einen Schuldenberg von mehr als einer Million Franken. Im Februar 2005 stand sogar eine Zahlungsunfähigkeit im Raum. Der Klub überstand diese kritische Phase, kam aber schnell wieder in unruhige Gewässer.
Peter Jakob, bis dahin eher ein stiller Beobachter des Emmentaler Eishockeys, stand vor der Wahl: dem klammen Verein helfen oder die Hände davon lassen? Gemeinsam mit vier weiteren Unternehmern gründete er im Sommer 2009 die Initiative „Rettet die Tiger“, um frisches Geld für die Tigers aufzutreiben. Die Entscheidung, letztlich bei den Tigers einzusteigen, war keine leichte. Im Familienrat wurde intensiv diskutiert. Das Engagement würde schließlich Unternehmensressourcen binden. Intern gab es durchaus Bedenken, dass sich der Firmenchef nun einem so großen Sportprojekt widmen und dem Klub finanzielle Mittel aus dem Unternehmensvermögen zur Verfügung stellen würde. Doch Jakob war überzeugt, den Klub in eine positive Zukunft führen zu können.

Heute sagen sie im Emmental: „Die Jahre der Sanierung haben sich gelohnt.“ Mit unternehmerischem Weitblick verwandelte Jakob nicht nur die marode Eishalle in ein Schmuckstück, sondern strukturierte die SCL Tigers AG zu einem sich selbst tragenden Unternehmen um.
Bei unserem Rundgang über das Gelände wird die Transformation greifbar. Überall grüßen Mitarbeiter Jakob herzlich. In der Küche treffen wir den eigens eingestellten Küchenchef aus Deutschland, der sich ausschließlich um die Verpflegung an den Spieltagen kümmert. Das neue Trainingszentrum ist an der Stelle der alten Tiermarkthalle entstanden und beeindruckt mit durchdachter Planung: Tiefgarage und darüber auf drei Ebenen eine Eisfläche, ein topmodernes Athletikzentrum und Eventräume mit direktem Blick in die Eishalle – alles energetisch optimiert und mit viel Holz gestaltet. Jakobs Drahtseile fügen sich dabei harmonisch ins Gesamtbild ein.