Das beste Team aller Zeiten?
Nie war ein deutsches Eishockey-Team bei Olympischen Spielen prominenter besetzt, nie wurde es besser eingeschätzt. Das Problem ist nur: Auch die Konkurrenz bringt alles mit, was Rang und Namen hat. Aber das Turnier hat dennoch die Chance, dem deutschen Eishockey einen Schub zu verleihen.
Wenn es einen gibt, der gänzlich unverdächtig ist, den Mund zu voll zu nehmen, dann ist das Nico Sturm. Selbst in Zeiten der ständigen Superlative, in denen Aufmerksamkeit alles zu sein scheint, gibt sich der 30-Jährige bescheiden und höflich. Doch beim Blick auf den Kader, den der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) zu den Olympischen Spielen nach Mailand schickt, kann auch Sturm nicht anders: „Wir werden die beste Mannschaft aller Zeiten haben“, sagt der NHL-Profi.
Nun sind Vergleiche über Jahrzehnte hinweg immer schwierig. Der Leistungssport entwickelt sich halt ständig weiter, alte Aufnahmen wirken heute oft so, als habe jemand die Geschwindigkeit runtergedreht. Aber tun wir mal nicht so, als habe es früher keine Hochbegabten im deutschen Eishockey gegeben. Schon vor knapp 100 Jahren gab es die, Gustav Jaenecke oder Rudi Ball etwa, die ihr Team 1932 zu Olympiabronze führten. Oder die Mannschaft um die „Jahrhundertspieler“ Erich Kühnhackl und Udo Kießling, die 1976 ebenfalls Bronze gewann. Das wären heute doch ziemlich sicher NHL-Spieler mit Millionenverträgen, ebenso Gerd Truntschka oder Dieter Hegen. Uwe Krupp, Olaf Kölzig, Marco Sturm, Dennis Seidenberg oder Christian Ehrhoff waren es dann auch. Jochen Hecht trug in Buffalo sogar mal das „C“ auf der Brust. Das kann keiner der heutigen NHL-Spieler von sich behaupten. Überhaupt gab es schon Jahre mit mehr Deutschen in der Eliteliga.
Und dennoch: So eine Generation wie die aktuelle gab es noch nie. Heute gibt es deutsche Superstars, die jedes eishockeyspielende Kind auf der ganzen Welt kennt. Topspieler, die individuelle Auszeichnungen in der NHL gewinnen, die riesengroße Verträge unterschreiben, tausende von Trikots verkaufen und Gesichter ihrer Klubs oder gleich der ganzen Liga sind.
Das sieht auch Wolfgang Boos so. Und der ist eher unverdächtig, die aktuelle Generation zu überhöhen. Ist der heute 80-Jährige doch Teil einer anderen, Boos gewann 1976 in Innsbruck Olympiabronze. „Wir hatten tolle Spieler“, sagt er, „aber wenn ich dagegen heute einen Stützle oder einen Draisaitl sehe – was der Draisaitl da spielt, ist ja fernab von allem Weltlichen.“
Allein steht Boos mit der Einschätzung nicht. Diverse 50-Tore und 100-Punkte-Saisons, kürzlich sein 1000. Punkt, dazu Auszeichnungen als MVP, Topscorer oder Torschützenkönig – so einen Eishockeyspieler wie Leon Draisaitl hat es aus Deutschland noch nicht gegeben. „Er ist an so vielen Abenden der beste Spieler der Welt und zeigt genau das regelmäßig“, sagte Connor McDavid mal. Also der, den die meisten anderen für den Besten der Welt halten.