Endlich wieder ein Draisaitl bei Olympia
Sein Vater Peter wurde als tragischer Penaltyschütze berühmt. Jetzt darf Leon Draisaitl nach langer Wartezeit endlich auch auf der größten Sportbühne der Welt auftreten. Einen Weltstar wie ihn hatte das deutsche Eishockey noch nie. Jetzt sieht ihn auch Deutschland.
Olympia? Draisaitl? Da war doch was. Der Puck, der auf der Linie liegen bleibt. Der berühmteste Penalty zumindest der deutschen Eishockeygeschichte – er ist mit diesem Namen verbunden. Und noch regelmäßig ein Thema. „Immer wenn Winterspiele anstehen ...“, sagt Peter Draisaitl. Ärgert er sich, dass er vor allem auf diesen spektakulären Fehlschuss angesprochen wird? „Ach Quatsch, ich bin ein großer Junge“, antwortet der inzwischen 60-Jährige lachend, „so was berührt mich überhaupt nicht.“ Im Gegenteil: „Ich freue ich mich auch, dass es ein Teil der olympischen Geschichte ist.“
Es ist der 18. Februar 1992, als sich der damalige Stürmer der Kölner Haie im Palace des Glaces in Méribel unfreiwillig unsterblich macht. Die deutsche Mannschaft mit Dieter Hegen, Gerd Truntschka oder Udo Kießling ist drauf und dran, Kanada mit seinem hochgelobten Jungstar Eric Lindros im Viertelfinale rauszuwerfen. 2:1 hat das Team des Bundestrainers Ludek Bukac nach Toren von Jürgen Rumrich und Hegen zwischenzeitlich sogar geführt, Ernst Köpf junior erzwingt kurz vor Schluss die Verlängerung.
„Wir sind nicht irgendwie durch Zufall da reingestolpert“, erinnert sich Draisaitl, „wir hätten das Spiel tatsächlich gewinnen können.“ In der Overtime fällt kein Tor, das Penaltyschießen muss über den Einzug ins Halbfinale und den Kampf um die Medaillen entscheiden. Den ersten Versuch hat Draisaitl – und dieser ärgert ihn noch heute „viel mehr“ als der letzte. „Ich dachte, ich hätte den Torwart ausgespielt, und habe ihn dann an den Außenpfosten gesetzt.“
Kanada geht mit 2:0 in Führung, doch Michael Rumrich und Andreas Brockmann gleichen aus. Der Shootout geht in die Verlängerung, Lindros legt vor. Diesmal will es Draisaitl „so einfach wie möglich“ machen: „Das Eis war nicht mehr das beste, ich wollte keinen großen Firlefanz veranstalten, sondern voll durch die Mitte.“ Er schießt Sean Burke den Puck durch die Beine, der trudelt weiter, kippt wie in Zeitlupe um und bleibt liegen – genau auf der Linie. „Peter Draisaitl hat das Elend der Welt auf dem Schläger“, stöhnt der legendäre Radioreporter Eddie Körper am Mikrofon. Daheim leiden zehn Millionen Fernsehzuschauer mit, für das olympische Viertelfinale ist sogar die Tagesschau verschoben worden.
Eine solche Resonanz findet Eishockey nie wieder. Auch nicht beim sensationellen Silbercoup 2018 in Südkorea, als beim Halbfinale zur Mittagszeit gut fünf Millionen und beim Endspiel in den frühen Morgenstunden mehr als drei Millionen Sportfans einschalten. Vielleicht könnte ja der nächste Draisaitl diese Marke knacken – mit der wohl besten Mannschaft, die jemals für Deutschland auf dem Eis stand.
„Das deutsche Eishockey hat es verdient, dass das ganze Land es unterstützt und sich die Spiele anschaut.“
„Das deutsche Eishockey hat es verdient, dass das ganze Land es unterstützt und sich die Spiele anschaut“, meint Leon Draisaitl, „ich glaube, dass es vielen Menschen, wenn sie sich die Zeit dafür nehmen, total gefallen wird – wie schnell die Sportart ist, wie intensiv und was für eine super Mannschaft wir zusammen haben. Hoffentlich bringt das mal einen großen Schub.“
Der 30-Jährige ist der erste deutsche Weltstar seiner Sportart, gehört – je nach Sichtweise – zu den besten drei oder fünf Spielern der NHL. Er war schon Torschützenkönig, bester Scorer, wertvollster Spieler, ist aktuell auch der teuerste. Er stand zweimal im Stanley-Cup-Finale und steht regelmäßig im All-Star-Team, hat viermal 50 oder mehr Tore erzielt, steuert auf seine siebte Saison mit mehr als 100 Punkten zu und knackte Mitte Dezember die Marke von 1.000 Scorerpunkten in der NHL-Hauptrunde – natürlich als erster Deutscher. Und doch schaut ihm bei der Arbeit nur ein Bruchteil des Millionenpublikums zu, das vor 34 Jahren mit seinem Vater litt. Als Deutschlands Sportler des Jahres ist der gebürtige Kölner zwar schon ausgezeichnet worden, doch seine alltäglichen Weltklasseleistungen in Nordamerika laufen in der Heimat häufig noch unter dem Radar.
Die Spiele in Mailand bieten auch ihm die Chance, für die breite Öffentlichkeit sichtbar zu werden. „Ich fahre nicht zu Olympia, um an mich selbst zu denken, wie ich meinen Namen oder meinen Status verbessern kann“, betont er, „ich will einfach mit den Jungs ein absolut geiles Turnier spielen und der Eishockey-Welt zeigen, was für eine tolle Mannschaft wir sind, was für tolle Spieler wir haben.“ Doch er weiß: „Mit Sicherheit wird mir das persönlich auch nicht schaden.“
Als sein Vater Olympia-Geschichte schrieb, war er noch gar nicht geboren. Den berühmten Penalty hat er dennoch „tausendmal gesehen“, wie er lachend erzählt, und den Schützen „ein paar Mal deswegen aufgezogen“. Sein Urteil: „Alles richtig gemacht, außer das Wichtigste.“ Nicht genug Schmackes beim Schuss? „Genau, er muss in den Kraftraum.“
Dass er mal seinem Vater nacheifern würde, war schon in jungen Jahren klar. „Leon war sehr früh infiziert mit Eishockey“, erzählt Peter Draisaitl, der ihn gegen Ende seiner Karriere in Essen und Oberhausen regelmäßig mit in die Kabine nahm. „Ich habe ihn immer gerne bei mir gehabt. Und er liebte es, fand es großartig, was ja auch so sein muss, wenn man sich in diese Sportart verliebt hat.“ Zu sehen, „wie die Spieler sich anziehen, hat mir noch den letzten Push gegeben“, sagt der Junior, „du denkst: Boah, das will ich auch mal werden.“
Kurz schwenkte er auf Fußball um, doch dann kehrte er zum Sport seines Vaters zurück und blieb dabei. „Er wusste relativ früh, was er will und wie er da hinkommen will“, sagt Peter Draisaitl, „so war er mit 13 schon aus dem Haus.“ In Mannheim lernte er Dominik Kahun kennen, „mit ihm habe ich lange zusammengewohnt“, auch Marc Michaelis spielte bei den Jungadlern im selben Team. Ein Jahr später kam aus Köln sein Sandkastenfreund Frederik Tiffels nach, „ihn kenne ich praktisch, seit ich geboren bin“. Dass 15 Jahre später alle vier aus dem Jahrgang 1995 gemeinsam bei Olympia spielen werden, „ist natürlich eine sehr coole Story“.
Weniger cool war die lange Wartezeit. Leon Draisaitl musste 30 Jahre alt werden, um erstmals die größte Sportbühne der Welt zu erreichen. 2014, als er noch vor dem NHL-Draft sein WM-Debüt gab, hatte die deutsche Nationalmannschaft die Winterspiele in Sotschi verpasst. 2018 in Südkorea und 2022 in China gab die Liga ihre Spieler nicht frei. „Die Enttäuschung war riesig“, sagt sein Vater, der im selben Alter schon zwei Olympia-Turniere erlebt hatte – vor den Spielen von Albertville bereits Calgary 1988 „als junger Kerl, der von nichts eine Ahnung hatte“.
Den sensationellen Silbercoup vor acht Jahren mit seinem Schulfreund Kahun verfolgte der Stürmer der Edmonton Oilers 11.000 Kilometer entfernt – in Los Angeles. „Da haben wir selbst gespielt. Und dann lief das Finale im Bus auf dem Fernseher, ich habe das Ende gesehen“, erzählt er. Am nächsten dran an Olympia war Draisaitl vor eineinhalb Jahren in Paris – als Gast seines Schwagers Niklas Wellen, der mit dem Hockeyteam Silber gewann. Dabei stattete er auch dem Deutschen Haus einen Besuch ab. „Es war ein sehr spezielles Flair, man merkt auf jeden Fall, dass es etwas Besonderes für die Athleten ist.“
Das alles will er nun endlich selbst als Teilnehmer erleben, nicht mehr nur zuhören, wenn sein Vater vom „Nonplusultra im Leben eines Sportlers“ schwärmt, wenn er erzählt, wie er 1998 in Nagano in der Mensa neben den NHL-Stars gesessen hat. „Du kannst 100 Weltmeisterschaften spielen, aber die kommen nicht an dieses olympische Feeling ran.“ Er will selbst gegen die Besten der Besten antreten – nicht im Oilers-Trikot, sondern mit dem Adler auf der Brust. Gespielt hat er schon öfter in der Nationalmannschaft, als 18-Jähriger in Minsk beim ersten seiner bisher fünf WM-Turniere, als er „noch sehr jung und sehr unerfahren“ war. Und sich freute, mit „den Jungs, denen ich seit Jahren im Fernsehen zugeschaut hatte“ zusammen auf dem Eis zu stehen, „das war ein Riesendeal für mich“. Oder bei der Heim-WM 2017 vor der eigenen Haustür, „vor meinen ganzen Freunden und der Familie – das war ein ganz besonderer Moment meiner Karriere“.
Inzwischen freuen sich die anderen, endlich mal gemeinsam mit ihm für Deutschland zu spielen. Die, die zu ihm aufblicken. Die, für die er zum Vorbild geworden ist. Die, die ihm in die NHL gefolgt und dort selbst zu Stars geworden sind. Dass alle nur auf ihn schauen und er die Mannschaft alleine tragen muss, befürchtet Draisaitl aber nicht. „Das funktioniert nicht. So gewinnt man gar nichts. Jeder Spieler, der nominiert ist, wird gebraucht, genauso wie ich gebraucht werde. Jeder muss seine Rolle akzeptieren. Jeder muss das bringen, was er am besten kann. Nur dann haben wir eine Chance.“
Denn nicht nur die beste deutsche Mannschaft der Eishockeygeschichte steht in Mailand auf dem Eis, auch die Konkurrenz schöpft aus dem Vollen – anders als bei den deutschen Silber-Erfolgen 2018 und bei der WM 2023. Kanada und die USA sind mit ihren Superstars, die zwölf Jahre auf ihre Olympia-Rückkehr warten mussten oder wie Draisaitl noch nie dabei waren, naturgemäß die Topfavoriten – sie haben gleich mehrere Spieler seines Kalibers. Und Schweden und Finnland, auch Tschechien haben eine deutlich größere NHL-Dichte im Kader. Das Turnier werde „eine super Messlatte“ sein, um zu sehen, „wo wir stehen in der Welt“.
Wichtig sei, sagt Draisaitl, der das letzte seiner bisher 56 Länderspiele bei der WM 2019 in der Slowakei bestritt, dass das deutsche Team „schnell zusammenrückt“, jeder „seine Rolle findet“ und „alle an einem Strang ziehen – dann ist viel möglich“. Die Mentalität, die die DEB-Auswahl zu den Coups der vergangenen Jahre geführt hat, werde auch mit kompletter NHL-Unterstützung gebraucht. Denn: „Wir wollen der Welt mal zeigen, wie gut wir wirklich Eishockey spielen können.“
Wenn all das gelingt, könnte auch der beste deutsche Eishockeyspieler endlich in der Heimat nicht nur in der eigenen Sportart als das anerkannt werden, was er ist – ein absoluter Weltstar. Wie Dirk Nowitzki im Basketball etwa, den Draisaitl schon als 18-Jähriger als Vorbild sah, dem er als „Gesicht seiner Sportart“ nacheifern wollte. Dieses Selbstbewusstsein, sich hohe Ziele zu stecken und sie dann mit aller Konsequenz zu verfolgen, habe sich „schon früh angedeutet“, erzählt sein Vater. „Gott sei Dank sind ihm dieser Wille und dieser Antrieb nicht abhandengekommen. Er hat immer einen Weg gefunden, sich an das nächsthöhere Level anzupassen und sich zu behaupten. Er musste in Jugendturnieren spielen, bei denen die anderen teilweise einen Kopf größer waren oder schon einen Bart hatten.“
Bei der nächsten Etappe schaut auch Deutschland genauer hin. Und sieht vielleicht einen Draisaitl-Penalty im Viertelfinale gegen Kanada, bei dem der Puck die Torlinie überquert. Diesmal müsste womöglich „heute“ verschoben werden, denn das ZDF überträgt an diesem Tag. Es ist übrigens wieder ein 18. Februar. „Das“, sagt Leon Draisaitl, „würde ja passen.“